Numerik

Ingenieurinformatik Teil 2, Sommersemester 2026

David Straub

Numerik – D. Straub

Gliederung

  1. Einführung in Matlab
  2. Arbeiten mit Arrays
  3. Funktionen und Kontrollstrukturen
  4. Analysis
  5. Lineare Algebra 👈
  6. Differentialgleichungen
  7. Einführung in Simulink
Numerik – D. Straub

Fahrplan

Letzte Einheit: Matrizen und lineare Gleichungssysteme
→ Matrixoperationen, Determinante, Inverse
→ Linksdivision \ für LGS
→ Überbestimmte Systeme und Least-Squares

Heute: Eigenwertprobleme
→ Eigenwerte und Eigenvektoren berechnen
→ Geometrische Interpretation
→ Anwendung: Gekoppelte Schwingungen

Numerik – D. Straub

Motivation

Numerik – D. Straub

Was ist ein Eigenwertproblem?

Definition: Ein Vektor x0\mathbf{x} \neq \mathbf{0} heißt Eigenvektor der Matrix AA, wenn es eine Zahl λ\lambda gibt mit:

Ax=λxA\mathbf{x} = \lambda \mathbf{x}

Die Zahl λ\lambda heißt Eigenwert zum Eigenvektor x\mathbf{x}.

Numerik – D. Straub

Beispiel: Gitarrensaite

Modell: nn Massen mm, durch Fadenspannung TT verbunden, Abstand hh

○─────○─────○─────○─────○
u₁    u₂    u₃    u₄    u₅

Jede Masse wird von ihren Nachbarn gezogen:

Fi=Th(ui12ui+ui+1)F_i = \frac{T}{h}(u_{i-1} - 2u_i + u_{i+1})

F=maF = ma, dann Ansatz ui(t)=vicos(ωt)u_i(t) = v_i\cos(\omega t) einsetzen — für alle nn Massen gleichzeitig:

Kv=ω2mvK\mathbf{v} = \omega^2 m\,\mathbf{v}

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Gitarrensaite: Die Steifigkeitsmatrix KK

KK enkodiert die Kopplung zwischen Nachbarn (n=5n = 5):

K=Th(2112112112112)K = \frac{T}{h}\begin{pmatrix}2&-1&&&\\-1&2&-1&&\\&-1&2&-1&\\&&-1&2&-1\\&&&-1&2\end{pmatrix}

mm ist eine Zahl — alle Massen gleich.

Die Eigenwerte ω2\omega^2 sind die erlaubten Schwingungsfrequenzen,
die Eigenvektoren v\mathbf{v} die zugehörigen Schwingungsformen.

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Gitarrensaite: Grundton und 1. Oberton

Grundton ω1\omega_1: alle Massen gleichphasig

v1(0.50, 0.87, 1.00, 0.87, 0.50)T\mathbf{v}_1 \approx (0.50,\ 0.87,\ 1.00,\ 0.87,\ 0.50)^T

1. Oberton ω22ω1\omega_2 \approx 2\,\omega_1Oktave

v2(0.87, 0.87, 0, 0.87, 0.87)T\mathbf{v}_2 \approx (0.87,\ 0.87,\ 0,\ {-0.87},\ {-0.87})^T

Knotenpunkt in der Mitte: zweite Hälfte schwingt gegenphasig.

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Beispiel: Flugzeugflügel Turboprop

Problem: Das Triebwerk dreht sich. Wenn die Drehfrequenz eine Eigenfrequenz des Flügels trifft \rightarrow Resonanz \rightarrow Materialversagen.

  • Historisches Beispiel: Lockheed L-188 Electra, 1959: „Whirl Flutter“ führte zum strukturellen Versagen der Tragflächen.

Vereinfachtes Modell: Flügel + Triebwerk als 2-Massen-System:

Kv=ω2Mv,M=(mFlu¨gel00mTriebwerk)K\,\mathbf{v} = \omega^2 M\,\mathbf{v}, \qquad M = \begin{pmatrix} m_\text{Flügel} & 0 \\ 0 & m_\text{Triebwerk} \end{pmatrix}

Eigenvektoren v\mathbf{v}: Schwingungsform — z.B. Flügel hebt sich, Triebwerk senkt sich.

Ziel der Konstruktion: Struktur so auslegen, dass die Eigenfrequenzen außerhalb des Betriebsdrehzahlbereichs liegen!

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Eigenwertproblem

Numerik – D. Straub

Was ist ein Eigenwertproblem?

Definition: Ein Vektor x0\mathbf{x} \neq \mathbf{0} heißt Eigenvektor der Matrix AA, wenn es eine Zahl λ\lambda gibt mit:

Ax=λxA\mathbf{x} = \lambda \mathbf{x}

Die Zahl λ\lambda heißt Eigenwert zum Eigenvektor x\mathbf{x}.

AA muss quadratisch sein: AxA\mathbf{x} und x\mathbf{x} müssen denselben Typ haben (gleiche Dimension), damit Ax=λxA\mathbf{x} = \lambda\mathbf{x} überhaupt Sinn ergibt.

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Geometrische Interpretation

Mv=λvM\mathbf{v} = \lambda \mathbf{v}

  • Öffnen Sie 🔗 GeoGebra
  • Finden Sie Vektoren, bei denen die Transformation MM die Richtung des Vektors v=OP\boldsymbol{v}=\overrightarrow{OP} nicht ändert
  • Intepretieren Sie und diskutieren Sie den Zusammenhang mit Eigenvektoren und Eigenwerten
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Eigenschaften

Für symmetrische Matrizen (A=ATA = A^T):

  • Alle Eigenwerte sind reell
  • Es gibt nn linear unabhängige Eigenvektoren

Für nicht-symmetrische Matrizen:

  • Eigenwerte können komplex sein
  • Nicht immer nn linear unabhängige Eigenvektoren

Determinante:

det(A)=λ1λ2λn\det(A) = \lambda_1 \cdot \lambda_2 \cdot \ldots \cdot \lambda_n

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Eigenwerte in Matlab

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Die Funktion eig

A = [1  2;
     3  4];

lambda = eig(A)          % Eigenwerte als Vektor

Mit Eigenvektoren:

[V, D] = eig(A)
  • V: Matrix, deren Spalten die Eigenvektoren sind
  • D: Diagonalmatrix mit den Eigenwerten
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Beziehung: AV=VDA V = V D

A = [4 -5  1;
     2 -3  1;
     1 -2  2];

[V, D] = eig(A)

Es gilt:

AV=VDA \cdot V = V \cdot D

Komponentenweise (Zeile ii, Eigenvektor kk):

jAijVjk=λkVik\sum_j A_{ij}\, V_{jk} = \lambda_k\, V_{ik}

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Beispiel: 3×3 Matrix

A = [4 -5  1;
     2 -3  1;
     1 -2  2];

[V, D] = eig(A);

D        % Diagonalmatrix mit Eigenwerten

Ausgabe:

D =
   -0.6180         0         0
         0    2.0000         0
         0         0    1.6180

Drei Eigenwerte: λ1=0.62\lambda_1 = -0.62, λ2=2.00\lambda_2 = 2.00, λ3=1.62\lambda_3 = 1.62

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✍️ Übung: Eigenwerte erkunden

Gegeben ist die symmetrische Matrix:

A = [3 1; 1 3];
  1. Berechnen Sie die Eigenwerte mit eig(A)
  2. Berechnen Sie Eigenwerte und Eigenvektoren mit [V, D] = eig(A)
  3. Überprüfen Sie: Gilt A * V(:,1)D(1,1) * V(:,1)?
  4. Was fällt an den Eigenwerten auf? (Hinweis: A ist symmetrisch)
  5. Berechnen Sie det(A) – wie hängt das mit den Eigenwerten zusammen?
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Eigenvektor zum 3. Eigenwert

V(:,3)       % 3. Spalte von V

Ausgabe:

   0.3361
   0.3361
   0.8798

Probe:

A * V(:,3)              % [0.544; 0.544; 1.424]
D(3,3) * V(:,3)         % [0.544; 0.544; 1.424] ✓
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Anwendung: Gekoppelte Schwingungen

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2-Massen-Feder-System

Zwei Massen m1m_1, m2m_2 sind durch Federn verbunden.

Bewegungsgleichungen:

m1x¨1=c1x1+c2(x2x1)m2x¨2=c2(x2x1)\begin{aligned} m_1 \ddot{x}_1 &= -c_1 x_1 + c_2(x_2 - x_1) \\ m_2 \ddot{x}_2 &= -c_2(x_2 - x_1) \end{aligned}

Gesucht: Wie schwingen die Massen?

Dasselbe Modell wie der Flugzeugflügel von vorhin — jetzt rechnen wir es vollständig durch.

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Umformung zum Eigenwertproblem

Ansatz: x1(t)=A1cos(ωt)x_1(t) = A_1 \cos(\omega t), x2(t)=A2cos(ωt)x_2(t) = A_2 \cos(\omega t)

Führt auf:

[c1+c2c2c2c2][A1A2]=ω2[m100m2][A1A2]\begin{bmatrix} c_1 + c_2 & -c_2 \\ -c_2 & c_2 \end{bmatrix} \begin{bmatrix} A_1 \\ A_2 \end{bmatrix} = \omega^2 \begin{bmatrix} m_1 & 0 \\ 0 & m_2 \end{bmatrix} \begin{bmatrix} A_1 \\ A_2 \end{bmatrix}

Das ist ein Eigenwertproblem!

KA=ω2MAK \mathbf{A} = \omega^2 M \mathbf{A}

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Parameter festlegen

m1 = 1;    % Masse 1 [kg]
m2 = 1;    % Masse 2 [kg]
c1 = 1;    % Federkonstante 1 [N/m]
c2 = 1;    % Federkonstante 2 [N/m]

K = [c1+c2, -c2;
     -c2,    c2];

M = [m1,  0;
      0, m2];
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Verallgemeinertes Eigenwertproblem

Problem: KA=ω2MAK \mathbf{A} = \omega^2 M \mathbf{A}

Das ist ein verallgemeinertes Eigenwertproblem:

Ax=λBxA \mathbf{x} = \lambda B \mathbf{x}

Matlab:

[V, D] = eig(K, M)

VV enthält die Eigenvektoren (Schwingungsformen)
DD enthält die Eigenwerte ω2\omega^2

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Eigenfrequenzen berechnen

[V, D] = eig(K, M);

omega_squared = diag(D)     % [0.382; 2.618]
omega = sqrt(omega_squared)  % [0.618; 1.618]
f = omega / (2*pi)           % Frequenzen in Hz

Zwei Eigenfrequenzen:

  • ω1=0.618\omega_1 = 0.618 rad/s
  • ω2=1.618\omega_2 = 1.618 rad/s
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Eigenschwingungen (Eigenvektoren)

V

Ausgabe:

  -0.5257  -0.8507
  -0.8507   0.5257

Erste Eigenschwingung: Beide Massen schwingen in Phase
v1=[0.530.85]\mathbf{v}_1 = \begin{bmatrix} -0.53 \\ -0.85 \end{bmatrix} (gleiches Vorzeichen)

Zweite Eigenschwingung: Beide Massen schwingen gegenphasig
v2=[0.850.53]\mathbf{v}_2 = \begin{bmatrix} -0.85 \\ 0.53 \end{bmatrix} (entgegengesetztes Vorzeichen)

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Visualisierung der Eigenschwingungen

t = linspace(0, 20, 500);

tiledlayout(1, 2)

nexttile
plot(t, V(1,1)*cos(omega(1)*t), t, V(2,1)*cos(omega(1)*t))
title(sprintf('Mode 1  (\\omega_1 = %.2f rad/s)', omega(1)))
xlabel('t [s]'); legend('Masse 1', 'Masse 2')

nexttile
plot(t, V(1,2)*cos(omega(2)*t), t, V(2,2)*cos(omega(2)*t))
title(sprintf('Mode 2  (\\omega_2 = %.2f rad/s)', omega(2)))
xlabel('t [s]'); legend('Masse 1', 'Masse 2')
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Spezialfälle: Reine Eigenschwingungen

Anfangsbedingung = Eigenvektor → nur eine Mode wird angeregt:

x0 = V(:,1);   % → nur ω₁, beide Massen in Phase
x0 = V(:,2);   % → nur ω₂, Massen gegenphasig

Beliebige Anfangsbedingung → Überlagerung beider Moden.

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✍️ Übung: Federsystem erkunden

Ändern Sie die Parameter und beobachten Sie das Verhalten:

m1 = 2;  m2 = 1;   % Unterschiedliche Massen
c1 = 2;  c2 = 3;   % Unterschiedliche Federn
  1. Wie ändern sich die Eigenfrequenzen ω1\omega_1, ω2\omega_2?
  2. Wie sehen die neuen Eigenschwingungsformen aus?
  3. Welche Anfangsbedingung x0 regt nur die erste Eigenschwingung an?
  4. Bonusaufgabe: Was passiert wenn c1 = 0? (Kein Anker für Masse 1)
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Zusammenfassung

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Eigenwertprobleme in Matlab

Gewöhnliches Eigenwertproblem:

lambda = eig(A)           % Nur Eigenwerte
[V, D] = eig(A)           % Eigenvektoren und -werte

Verallgemeinertes Eigenwertproblem:

[V, D] = eig(A, B)
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Wichtigste Erkenntnisse

  • Eigenvektoren sind besondere Richtungen, die nur gestreckt/gestaucht werden
  • Physikalische Bedeutung: Eigenschwingungen, Hauptachsen, stabile Richtungen
  • Eigenwerte einer Matrix: det(A)=λi\det(A) = \prod \lambda_i
  • Für symmetrische Matrizen: Eigenwerte immer reell
  • Verallgemeinertes EWP: Kx=ω2MxK\mathbf{x} = \omega^2 M\mathbf{x}eig(K, M) (nicht eig(inv(M)*K)!)
  • Anwendungen: Schwingungsanalyse, Stabilitätsuntersuchungen, FEM, Regelungstechnik, ...
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